Grundlagen: Servoantrieb – Aufbau, Funktionsweise und Auslegung
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Der Begriff Servoantrieb hat zwei Bedeutungen. Eng gefasst meint er das elektronische Antriebsgerät, das den Motor regelt, also den Servoregler allein. Weit gefasst meint er die komplette geregelte Achse aus Servomotor, Servoregler, Gebersystem und, wo die Anwendung es verlangt, einem Getriebe. Erst in diesem Zusammenspiel entsteht, was den Servoantrieb ausmacht: Position, Drehzahl und Drehmoment lassen sich gleichzeitig regeln, und zwar hochdynamisch.
Dieser Grundlagenartikel nimmt die weite Bedeutung, denn Funktion und Auslegung lassen sich nur am Gesamtsystem verstehen. Wer einen Servoantrieb dimensioniert, plant nie nur ein Gerät, sondern immer die ganze Achse samt Last und Mechanik. Baumüller liefert diese Achse aus einer Hand, vom Servomotor über den Servoregler bis zur Steuerung.
Inhaltsverzeichnis
- Definition – Was ist ein Servoantrieb?
- Servoantrieb, Servomotor und Servoregler: die Unterschiede
- Aufbau – die Komponenten eines Servoantriebs
- Funktionsweise – das Blockschaltbild
- Servoantrieb, Frequenzumrichter oder Schrittmotor?
- Kennwerte und Auslegung
- Servoantriebe in der Automatisierungstechnik
- Zusammenfassung – alles auf einen Blick
- Häufige Fragen zum Servoantrieb
Definition – Was ist ein Servoantrieb?
Ein Servoantrieb ist ein elektronisch geregelter Antrieb, der eine Achse hochdynamisch und präzise auf eine Position, eine Drehzahl oder ein Drehmoment führt. Gegenüber einem ungeregelten Antrieb erreicht er dabei eine andere Größenordnung an Genauigkeit, Dynamik und Beschleunigung. Genau das macht ihn zum Standard überall dort, wo eine Maschine schnell und wiederholgenau arbeiten muss. Gebräuchlich sind auch die Bezeichnungen Servoachse und, für den Verbund mehrerer Achsen, Servosystem.
Das entscheidende Merkmal ist der geschlossene Regelkreis. Ein Servoantrieb misst laufend, wo sich die Achse tatsächlich befindet und wie schnell sie läuft, vergleicht diese Istwerte mit den Sollwerten der Steuerung und korrigiert die Abweichung. Ohne diese Rückführung ist ein Antrieb gesteuert, nicht geregelt, und damit kein Servoantrieb. Diese Regelung präzise zu beherrschen, ist die Kernkompetenz, an der Baumüller seit über 90 Jahren arbeitet.
Nicht gemeint sind hier die kleinen Stellantriebe, die im Modellbau, in der Gebäudetechnik oder als pneumatische Ventilantriebe ebenfalls Servoantrieb heißen. Dieser Beitrag behandelt elektrische Servoantriebe in der Industrieautomatisierung.
Servoantrieb, Servomotor und Servoregler: die Unterschiede
Der Servoantrieb ist das System, der Servomotor der Aktor darin, der Servoregler die Elektronik, die ihn ansteuert. Diese drei Ebenen werden im Alltag oft vermischt, für die Auslegung sind sie aber sauber zu trennen.
Der Servomotor wandelt elektrische in mechanische Leistung. In der Servo-Antriebstechnik ist er meist ein permanenterregter Synchronmotor mit schlanker Bauform und hoher Überlastbarkeit, teilweise auch ein Linear- oder Torquemotor. Baumüller bietet seine Servomotoren in vier Baureihen an, von den dynamischen DSD2 über die kompakten DSC bis zu den besonders rastmomentarmen DSH1 für höchste Präzision.
Der Servoregler versorgt den Motor mit Strom und schließt die Regelkreise. Je nach Hersteller heißt dasselbe Gerät auch Servoumrichter oder Servoverstärker; bei Baumüller trägt diese Geräteklasse den Namen b maXX.
Aufbau – die Komponenten eines Servoantriebs
Ein Servoantrieb besteht aus fünf Baugruppen, die als funktionale Einheit zusammenwirken:
Der Servomotor erzeugt Drehmoment und Bewegung; Synchron-, Linear- oder Torquemotor. In der Industrie durchweg als AC-Servoantrieb ausgeführt, DC-Varianten mit Bürsten laufen nur noch in Bestandsanlagen.
Der Servoregler richtet die Energie für den Motor um, schließt Strom-, Drehzahl- und Lageregelkreis und bringt Sicherheitsfunktionen von STO (Safe Torque Off) über SS1 bis zur sicheren Position mit, übertragbar über FSoE (FailSafe over EtherCAT).
Das Gebersystem meldet Lage und Geschwindigkeit zurück; bei Baumüller beispielsweise als Resolver oder digitaler Encoder mit EnDat 2.2, Hiperface DSL, SSI und viele weitere.
Mechanik: Getriebe, Spindel, Zahnstange, Kette, Riemen oder Kupplung; überträgt die Bewegung auf die Last
Die übergeordnete Steuerung gibt Bewegungsprofil und Ablauf vor, meist eine SPS oder Motion-Control-Steuerung.

Servoantriebe im Mehrachssystem: Steuerung, angereihte Servoregler mit gemeinsamem Zwischenkreis und die zugehörigen Servomotoren
Baumüller baut seine Servomotoren in sieben Baugrößen von 28 bis 132, mit Nenndrehmomenten von 0,6 bis 715 Nm und wahlweise ungekühlt, luft- oder flüssigkeitsgekühlt (Wasser oder Öl). So lässt sich der Motor über Baugröße, Wicklung und Kühlung genau auf die Achse zuschneiden.
Die Mechanik gehört ausdrücklich dazu, auch wenn sie leicht übersehen wird. Ein Getriebe passt Drehzahl und Drehmoment an die Last an und reduziert deren Trägheit quadratisch mit der Übersetzung, bringt aber Spiel und Elastizität in die Achse. Beides begrenzt die erreichbare Positioniergenauigkeit unabhängig davon, wie gut Motor und Regler sind. Servogetriebe sind deshalb spielarm ausgeführt und höher belastbar als Standardgetriebe. Bei Linearachsen fällt dieser Umweg weg: Ein Linearmotor bewegt den Schlitten direkt, ohne Spindel und ohne Getriebespiel, allerdings zu höheren Kosten.
Funktionsweise – das Blockschaltbild
Regelungstechnisch ist ein Servoantrieb eine Kaskade aus drei ineinanderliegenden Regelkreisen. Das Blockschaltbild zeigt sie.
Blockschaltbild eines Servoantriebs: Lage-, Drehzahl- und Stromregelkreis in Kaskade (Kaskadenregelung)
Der Ablauf beginnt links. Die Steuerung gibt einen Lagesollwert vor. An der Summationsstelle wird davon der Istwert des Gebers abgezogen; übrig bleibt die Regelabweichung. Der Lageregler macht daraus einen Drehzahlsollwert, der Drehzahlregler daraus einen Stromsollwert, der Stromregler steuert schließlich das Leistungsteil an, das den Servomotor mit Strom und Spannung versorgt. Der Geber führt Lage und Drehzahl zurück, und der Kreis schließt sich. Ein wechselndes Lastmoment wirkt dabei als Störgröße auf den Motor; der geschlossene Regelkreis gleicht sie laufend aus.
Warum diese Staffelung? Weil jeder innere Regelkreis mindestens so schnell arbeiten muss wie der ihn umgebende, sonst schwingt die Achse. Die innere Stromregelung ist deshalb die schnellste Schleife: Der b maXX 3300 von Baumüller rechnet sie in 62,5 µs, Drehzahl- und Lageregelung laufen mit jeweils 125 µs.
Was der Regler dabei tatsächlich vor sich hat, also Motor, Getriebe, Last und deren Reibung, heißt in der Regelungstechnik Regelstrecke. Bei der Inbetriebnahme stimmt Baumüller Regler und Strecke mit dem Tool ProDrive und der Funktion Smart Tuning automatisch aufeinander ab, statt jeden Parameter von Hand zu suchen.
Servoantrieb, Frequenzumrichter oder Schrittmotor?
Ein Servoantrieb ist nicht immer die richtige Wahl. Die Entscheidung hängt daran, ob eine Achse positionieren muss oder nur drehen.
Servoantrieb
Antrieb mit Frequenzumrichter
Schrittmotorantrieb
Regelung: geschlossener Regelkreis
Regelung:
meist offen (U/f-Steuerung)
Regelung:
offen, meist ohne Rückführung
Rückführung:
Geber am Motor
Rückführung:
in der Regel keine
Rückführung:
keine (außer Closed-Loop-Varianten)
Positionierung:
hochgenau, wiederholgenau bis in den Winkelsekundenbereich
Positionierung:
nicht vorgesehen
Positionierung:
genau, aber ohne Ist-Wert-Rückmeldung
Moment im Stillstand:
volles Stillstandsmoment
Moment im Stillstand:
bei U/f-Steuerung nahe null
Moment im Stillstand:
Haltemoment vorhanden
Überlastbarkeit:
hoch, bis Faktor 3 und mehr
Überlastbarkeit:
rund 1,5
Überlastbarkeit:
gering
Typischer Einsatz:
Positionier- und Gleichlaufachsen
Typischer Einsatz:
Pumpen, Lüfter, Förderbänder
Typischer Einsatz:
einfache Verstellachsen
Kosten:
hoch
Kosten:
niedrig
Kosten:
niedrig bis mittel
Für eine gleichmäßig drehende Pumpe wäre ein Servoantrieb überdimensioniert; ein Schrittmotor wiederum ist bei moderaten Anforderungen oft die wirtschaftlichere Lösung, allerdings mit einem Haken: Verliert er unter Last Schritte, merkt das niemand, weil die Rückmeldung fehlt.
Sobald hohe Beschleunigungen, Wiederholgenauigkeit oder der synchrone Lauf mehrerer Achsen gefragt sind, führt an einem Servoantrieb kein Weg vorbei; hier deckt Baumüller mit der b maXX-Familie den gesamten Leistungsbereich ab.
Kennwerte und Auslegung
Ein wichtiger Kennwert ist die Überlastbarkeit. Ein Servoantrieb gibt kurzzeitig ein Vielfaches des Moments ab, das er dauerhaft aufbringt, und beim Beschleunigen braucht er genau das. Wie hoch dieses Vielfache ausfällt, hängt von der Baugröße ab: Kleine Achsen erreichen das Dreifache ihres Stillstandsdrehmoments (M0) und mehr, große Antriebe liegen niedriger, weil die Leistungselektronik dort näher an ihrer Dauergrenze ausgelegt ist. Begrenzend wirkt jeweils das schwächere Glied aus Motor und Umrichter. Wie sich Drehmoment und Drehzahl über den gesamten Betriebsbereich zueinander verhalten, zeigt die Synchronmotor-Kennlinie.
Bei der Auslegung zählt nicht der Spitzenwert, sondern das über den Maschinenzyklus gemittelte Drehmoment, sonst wird der Antrieb überdimensioniert. Ebenso wichtig ist das Verhältnis von Last- zu Motorträgheit. Bis etwa 5:1 gilt es als unkritisch; mit steifer Mechanik und sauber abgestimmtem Regler sind auch 10:1 beherrschbar. Wird es deutlich größer, bewegt im Zweifel die Last den Motor und nicht umgekehrt, und die Achse neigt zum Schwingen. Wo die Last zu schwer wird, hilft ein Getriebe, das ihr Massenträgheitsmoment auf die Motorseite herunterrechnet.
Diese Rechnung muss niemand von Hand aufstellen. Mit dem Auslegungstool sizemaXX dimensioniert Baumüller die Achse Schritt für Schritt, vermeidet Überdimensionierung und zeigt Einsparpotenziale im Antrieb auf. Das spart nicht nur Zeit, sondern hält auch den Energieverbrauch im späteren Betrieb niedrig.
Servoantriebe in der Automatisierungstechnik
Servoantriebe stecken überall dort, wo eine Maschine schnell, wiederholgenau und im Takt mit anderen Achsen arbeiten muss.

Servoantriebe in der Automatisierungstechnik: Einsatzgebiete in Druck, Verpackung, Textil und Robotik
In Druckmaschinen laufen die Farbwerke ohne mechanische Königswelle. Jede Walze bekommt einen eigenen Servoantrieb, und den Gleichlauf stellt eine elektronische Welle her. Schon geringste Abweichungen zwischen den Achsen zeigen sich später als Passerfehler im Druckbild. Beim Spritzguss in der Kunststoffverarbeitung wiederum muss die Einspritzachse einem vorgegebenen Druck- und Geschwindigkeitsprofil folgen, und zwar bei jedem Schuss identisch, weil sonst die Bauteilqualität streut.
Typische Einsatzfelder sind:
- CNC-Werkzeugmaschinen
- Verpackungs- und Textilmaschinen
- Handhabungs- und Robotikanwendungen
- Antriebe für die E-Mobilität
In einem Servoantriebssystem mit mehreren Achsen sind die Servoregler über einen Echtzeit-Feldbus wie EtherCAT vernetzt, damit alle Achsen im selben Takt arbeiten; die überlagerte Bewegungssteuerung (Motion Control) koordiniert sie. Welche Baureihe zu welcher Leistungsklasse passt, zeigt die Produktwelt der b maXX-Servoumrichter von Baumüller, die einen Bereich bis 400 kW abdeckt.
Diese Koordination muss nicht zwingend in einer separaten SPS liegen. Moderne Servoregler übernehmen Steuerungsaufgaben zunehmend selbst: Bei Baumüller kann die integrierte drivePLC im Servoregler als EtherCAT-Master weitere Achsen führen, sodass eine übergeordnete Steuerung je nach Anwendung entfallen kann. Das spart Kosten und umgeht Totzeiten über den Feldbus. Mehr dazu im Beitrag zur intelligenten Antriebstechnik.
Zusammenfassung – alles auf einen Blick
Ein Servoantrieb ist die geregelte Achse als Ganzes: Servomotor, Servoregler, Geber und Mechanik. Seine Leistungsfähigkeit entsteht aus der Kaskade von Strom-, Drehzahl- und Lageregelkreis, und sie lässt sich über Überlastbarkeit und Zykluszeiten nachprüfen statt nur behaupten. Bei der Auslegung entscheiden das gemittelte Drehmoment und das Trägheitsverhältnis, nicht der Katalogspitzenwert.
Wirtschaftlich zahlt sich die Servotechnik dort aus, wo Taktzeit und Präzision den Ausschlag geben. Ihre Vorteile reichen dabei über die reine Positionierung hinaus. Baumüller-Servomotoren erreichen Wirkungsgrade von über 90 Prozent, in der Spitze bis 96 Prozent, und im Mehrachssystem lässt sich Bremsenergie über einen gemeinsamen Zwischenkreis weiterverwenden, statt sie zu verheizen. Für die Energieeffizienz einer Anlage ist das oft der größere Hebel als der Motor selbst.
Baumüller liefert Servoantriebe als komplettes System aus Motor, Umrichter, Steuerung und Software. Für Fragen zur Auslegung Ihrer Achse können Sie jederzeit gerne persönlich Kontakt zu uns aufnehmen.
Häufige Fragen zum Servoantrieb
Was ist ein Servoantrieb?
Ein Servoantrieb ist eine geregelte Antriebsachse aus Servomotor, Servoregler, Gebersystem und gegebenenfalls Getriebe. Er regelt Position, Drehzahl und Drehmoment im geschlossenen Regelkreis und erfüllt hohe Anforderungen an Dynamik und Genauigkeit. Typische Einsatzorte sind Werkzeugmaschinen, Verpackungsanlagen, Druckmaschinen und Roboter.
Was ist der Unterschied zwischen Servoantrieb und Servomotor?
Der Servomotor ist eine Komponente des Servoantriebs. Er erzeugt Drehmoment und Bewegung, kann das aber nur geregelt tun, wenn ein Servoregler und ein Gebersystem dazukommen. Der Servoantrieb bezeichnet diese komplette Einheit, also die gesamte Achse einschließlich Mechanik.
Wie funktioniert ein Servoantrieb?
Ein Servoantrieb arbeitet mit drei kaskadierten Regelkreisen. Der Lageregler wandelt die Positionsabweichung in einen Drehzahlsollwert, der Drehzahlregler in einen Stromsollwert, der Stromregler stellt das Drehmoment. Ein Geber am Motor meldet Lage und Drehzahl laufend zurück, sodass der Antrieb Abweichungen innerhalb von Millisekunden ausregelt.
Was unterscheidet einen Servoantrieb von einem Frequenzumrichter-Antrieb?
Ein Frequenzumrichter steuert die Drehzahl eines Motors meist ohne Rückführung und eignet sich für gleichmäßige Bewegungen wie bei Pumpen oder Lüftern. Ein Servoantrieb arbeitet mit Geberrückführung, positioniert hochgenau, hält das volle Drehmoment im Stillstand und verträgt kurzzeitig ein Mehrfaches seines Stillstandsdrehmoments (M0).
Wie wird ein Servoantrieb ausgelegt?
Maßgeblich ist das über den Maschinenzyklus gemittelte Drehmoment, nicht der Spitzenwert. Dazu kommt das Verhältnis von Last- zu Motorträgheit, das bis etwa 5:1 unkritisch bleibt, mit steifer Mechanik auch bis 10:1. Bei Baumüller übernimmt das Auslegungstool sizemaXX diese Dimensionierung und vermeidet eine Überdimensionierung des Antriebs.

Matthias Beetz
Training Engineer Academy I Baumüller Nürnberg GmbH
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